Viele Menschen erwarten hinter dem Titel „Internationale deutschsprachige Poetry-Slam-Meisterin“ keine Frau mit Kopftuch. “ – Ayşe Irem, Deutsche Meisterin im Poetry Slam

Foto: Jonas Samson Völk

Liebe Ayşe, vielen Dank, dass Du Dich dazu bereit erklärt hast, uns einige Fragen zu beantworten!

Kannst Du Dich zunächst einmal kurz vorstellen?

Mein Name ist Ayşe İrem. Ich bin 26 Jahre alt und arbeite als Spoken-Word- und Poetry-Slam-Künstlerin. Darüber hinaus bin ich als Veranstalterin und Workshopleiterin tätig und konzipiere sowie begleite Schreib- und Kreativworkshops, insbesondere für junge Menschen.

Du hast mit Deinen Texten die internationale deutschsprachige Poetry-Slam-Meisterschaft im November 2025 gewonnen und große Aufmerksamkeit erregt. Als dritte Frau jemals und als erste muslimische Frau mit Hijab. Dazu möchten wir Dir nochmals gratulieren! Welche Themen behandelst Du mit Deinen Texten?

Ich behandle gesellschaftskritische Themen – nicht, weil ich weniger zu anderen Dingen zu sagen hätte, sondern weil ich finde, dass diese Perspektiven oft zu kurz kommen. Gerade in Deutschland wird sehr viel über Muslim:innen, Migrant:innen oder marginalisierte Gruppen gesprochen, aber selten mit ihnen. Meine Texte setzen genau dort an und versuchen, einen anderen Blickwinkel sichtbar zu machen.

In Deinen Bühnenauftritten sprichst Du zudem oft über das Gefühl, nie ganz

dazuzugehören. Welche Ereignisse oder Erfahrungen haben dieses Gefühl in Dir ausgelöst?

Das Gefühl, nicht dazuzugehören, ist für mich kein zentrales Thema, sondern eher das Ergebnis vieler kleiner Erfahrungen. Situationen, in denen anders mit uns gesprochen wurde – etwa in städtischen Einrichtungen – oder Erlebnisse in der Schule, bei denen ich für dieselben Dinge mehr Ärger bekam als andere Kinder. Solche Momente wirken nach, auch wenn sie einzeln betrachtet unscheinbar erscheinen.

Welche Reaktionen – positive wie negative – begegnen Dir bei Auftritten aufgrund Deiner religiösen Identität oder der Zuschreibungen, die andere Dir gegenüber vornehmen?

Viele Menschen erwarten hinter dem Titel „Internationale deutschsprachige Poetry-Slam-Meisterin“ keine Frau mit Kopftuch. Wir werden gesellschaftlich oft an anderen Orten verortet: leise, im Hintergrund, nicht als Menschen, die sich klar artikulieren oder Räume füllen. Umso stärker sind die positiven Reaktionen. Besonders in Schulen erlebe ich, wie wichtig Repräsentation ist – junge Menschen sehen jemanden auf der Bühne, der aussieht wie sie und Erfahrungen teilt, die sie wiedererkennen.

Du bist in Osnabrück geboren, lebst in NRW und sprichst in Deinen Texten über Identität und Heimat. Was bedeutet Heimat für Dich persönlich?

Heimat ist für mich viel weniger ein Ort als ein Gefühl. Sie entsteht in Beziehungen, in Momenten, in kleinen oder großen Gesten. In spirituellen Räumen und in Situationen, in denen ich mich auf Anhieb willkommen fühle, ohne bestimmte Dinge erklären zu müssen.

Wir würden gerne wissen, wie eigentlich Deine Texte entstehen. Wo beginnt der

Schaffensprozess? Wie oft musst Du einen Text überarbeiten, bis Du denkst, dass er fertig ist?

Meine Texte entstehen meist aus Ereignissen, die mich erschüttern – Dinge, die mir Hoffnung zu nehmen versuchen oder mich innerlich nicht loslassen. Der erste Schritt ist dabei selten das Schreiben. Ich spreche meine Gedanken zunächst in mein Handy, entweder über die Diktierfunktion oder als Audioaufnahme. Der eigentliche Schreibprozess beginnt später, wenn ich das Gesagte ordne, kürze und verdichte. Wann ein Text fertig ist, entscheidet sich oft erst im Kontakt mit dem Publikum.

Was hat sich für Dich – persönlich wie künstlerisch – nach Deinem Sieg im November 2025 am stärksten verändert?

Sichtbarkeit ist ein großes Thema. Ich kann heute bewusster auswählen, in welchen Räumen ich stehen möchte. Ich darf weiterhin laut sein – aber mit einer größeren Zuhörerschaft. Das empfinde ich als etwas sehr Schönes.

Welche Verantwortung siehst Du für Dich als eine der öffentlich sichtbaren Stimmen junger migrantischer Frauen im deutschsprachigen Kulturbetrieb?

Ich sehe meine Verantwortung darin, Räume zu öffnen, in denen Stimmen wie meine tatsächlich gehört werden. Deshalb bin ich Teil von i,Slam e. V., einem muslimischen Poetry-Slam-Kollektiv, und gestalte dort gemeinsam mit dem Team regelmäßig Veranstaltungen. Mir ist wichtig zu zeigen: Deine Stimme hat einen Wert und gehört auf Bühnen – auch auf solche, von denen man denkt, dass sie nicht für einen selbst gedacht sind. Und solange Allah es mir erlaubt, werde ich weiterhin auf gesellschaftliche Ungerechtigkeiten aufmerksam machen und dort laut sein, wo geschwiegen wird.

Viele Menschen empfinden Deine Texte als Empowering. Welche Wirkung wünschst Du Dir insbesondere für junge Musliminnen, die sich in Deutschland mit Vorurteilen oder Ausgrenzung konfrontiert sehen?

Ich wünsche mir, dass junge Musliminnen sich selbst ernst nehmen und sich mehr zutrauen. Dass sie sehen, dass ihre Stimme zählt und dass sie Räume betreten dürfen, in denen sie sich vielleicht nie gesehen haben. Dass sie laut sein dürfen, ohne sich zu erklären oder anzupassen, und dass sie verstehen: Sie müssen sich nicht kleiner machen, um dazuzugehören.

Gibt es Projekte oder Kooperationen, die Du in Zukunft gerne realisieren würdest, um Deine Themen weiter zu vertiefen?

Es gibt auf jeden Fall viele Ideen und Wünsche, die ich gerne umsetzen würde. Gleichzeitig versuche ich, offen zu bleiben für das, was sich tatsächlich ergibt. Am Ende steht alles unter der Voraussetzung: so Allah will.

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